Die "neue Normalität": Wenn die seelischen Narben bleiben
Die Therapie ist abgeschlossen, die letzten Chemo-Sitzungen liegen hinter dir. Die Ärzte sprechen von "Remission". Von aussen betrachtet scheint alles wieder in Ordnung zu sein. Viele erwarten jetzt, dass du glücklich, dankbar und voller Energie bist. Aber manchmal stellt sich dieses Glücksgefühl nicht ein oder es ist da immer noch diese Angst, obwohl man doch jetzt glücklich sein sollte. Ich möchte dich beruhigen: Das ist ganz normal und darf auch so sein. Viele erleben das. Du musst dich deshalb nicht schlecht fühlen. Es gehört zum Prozess dazu.
Für dich, die oder der diese schwere Krankheit durchgemacht hat, fängt in gewisser Weise eine neue Herausforderung an: das Leben in der "neuen Normalität". Es ist eine Zeit, in der sich körperliche und vor allem seelische Narben bemerkbar machen, die für Aussenstehende oft unsichtbar sind. Und genau das ist das Problem: Das Umfeld vergisst schnell. Aber du nicht. Du wirst diese Erfahrung nie vergessen. Sie wird dich dein ganzes Leben begleiten.
Wenn das Verständnis schwindet
Nach einer Krebserkrankung erwarten viele, dass man einfach wieder an den Punkt zurückkehrt, wo man vor der Diagnose war. Doch das ist fast unmöglich. Eine Krebserkrankung verändert vieles, und diese Veränderungen sind tiefgreifend:
Körperlich: Auch Jahre später können Nebenwirkungen wie Fatigue (extreme Müdigkeit), Neuropathien oder Schmerzen auftreten. Der Körper ist vielleicht nicht mehr derselbe.
Seelisch: Die Angst vor einem Rückfall – das sogenannte "Damokles-Schwert" – begleitet viele Betroffene über Jahre, manchmal ein Leben lang. Depressionen, Angststörungen oder Traumata können die Folge sein.
Sozial: Freundschaften und Beziehungen können sich verändern. Manche Menschen wissen nicht, wie sie mit dir umgehen sollen, oder sie ziehen sich zurück, weil sie mit dem Thema Krebs überfordert sind.
Für das Umfeld ist es oft schwierig zu verstehen, dass diese inneren Wunden nicht einfach verheilen, nur weil die sichtbaren Behandlungen abgeschlossen sind. Der Satz "Du bist doch wieder gesund, jetzt schau nach vorne!" ist zwar gut gemeint, kann aber enorm verletzend sein, weil er die andauernden Herausforderungen ignoriert.
Die unsichtbaren Veränderungen anerkennen: Meine persönliche Erfahrung
Diese Gefühle kenne ich nur zu gut. Nachdem meine Chemo abgeschlossen und die Operationen überstanden waren, fühlte ich mich anfangs erleichtert, aber auch plötzlich auf mich allein gestellt. Die gewohnte Sicherheit der engmaschigen medizinischen Betreuung fehlte und mein Vertrauen in meinen eigenen Körper war nicht mehr vorhanden.
Ich erinnere mich gut an Momente, in denen ich einen Schmerz genau an der Stelle spürte, wo der Tumor (Hodgkin-Lymphom) gesessen hatte. Die Angst vor einem Rückfall war in diesen Augenblicken unheimlich gross. Was sollte ich nur tun? Es war eine sehr schwierige Zeit. Oft habe ich meinem Onkologen geschrieben. Er war unglaublich verständnisvoll. Ich merkte schnell, dass es mir nicht reichte, nur alle sechs bis zwölf Monate für eine Kontrolle vorbeizugehen. Er ermöglichte mir, öfter zur Kontrolle zu kommen, mit ihm zu sprechen und mein Blut kontrollieren zu lassen. Dies gab mir Sicherheit. Erstaunlicherweise gingen die Schmerzen meistens danach weg. Ich realisierte, dass sie psychosomatisch waren. Es war beeindruckend zu sehen, welche Macht mein Körper und mein Kopf haben kann, wenn die Angst die Oberhand gewinnt.
Auch im Arbeitsumfeld wird oft sofort wieder eine 100-Prozent-Leistung erwartet. Für viele ist das nach einer solchen Erkrankung einfach nicht möglich. Es ist viel sinnvoller, Teilzeit einzusteigen und das Pensum langsam und schrittweise zu erhöhen, um dem Körper und der Seele die nötige Zeit zur Anpassung zu geben. Vorausgesetzt der Arbeitgeber bietet dir diese Möglichkeit.
Eine weitere anhaltende Schwierigkeit in meinem Alltag ist der Umgang mit Angst bei meinen Liebsten.
Wenn man eine solche Erfahrung gemacht hat, ist Gesundheit nicht mehr selbstverständlich. Es kann vorkommen, dass man bei Kleinigkeiten, wie zum Beispiel leicht geschwollenen Lymphknoten bei einem Kind, sofort an die schlimmsten Krankheiten denkt. Diese Sorge um die Gesundheit der Nächsten ist eine weitere unsichtbare Narbe, die bleibt.
Diese Veränderungen sind Teil deiner neuen Normalität. Sie sind nicht immer sichtbar, aber sie sind real und prägen deinen Alltag.
Was du tun kannst
Sei geduldig und verständnisvoll mit dir selbst: Sei nachsichtig mit dir selbst und erwarte nicht, sofort wieder der Mensch zu sein, der du vor der Erkrankung warst. Die Genesung ist ein Prozess, der Zeit braucht, sowohl körperlich als auch seelisch. Gönn dir diese Zeit und erlaube dir, dich an deine neue Normalität anzupassen.
Sprich darüber: Auch wenn es schwerfällt, versuche, mit deinem Umfeld zu kommunizieren, wie es dir geht. Erkläre, dass die Genesung ein langer Prozess ist und auch die Seele Zeit braucht.
Setze Grenzen: Es ist in Ordnung, "Nein" zu sagen, wenn du merkst, dass du überfordert bist oder Ruhe brauchst.
Hole dir Unterstützung: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Es gibt Peers, spezialisierte Therapeuten, Psychologen oder Selbsthilfegruppen, die dir helfen können, mit den seelischen Narben umzugehen auch und insbesondere nach der Erkrankung.
Der Weg zurück in den Alltag nach einer Krebserkrankung ist nicht einfach aber ich habe gelernt, die Herausforderungen zu meistern. Für mich ist es heute möglich, eine neue Normalität zu leben, in der die Angst weniger geworden ist und ich einen Weg zurück in meinen Alltag gefunden habe. Es hat zwar etwas gedauert aber man muss und darf sich die nötige Zeit nehmen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Schritt für Schritt wird es besser.
Es gibt Licht am Ende des Tunnels.
Schritt für Schritt wird es besser.
Ich bin dankbar für die Unterstützung, die ich auf diesem Weg erhalten habe und für die Lektionen, die ich lernen durfte. Ich hoffe, dass meine Erfahrungen anderen Mut machen können, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Jeder Schritt in Richtung Normalität ist ein Schritt in die richtige Richtung und zur gesamtheitlichen Genesung.
Herzlich, Andrea