Von der Wut zum Sinn: Wie Krebs meinen Blick auf das Leben und die Endlichkeit verändert hat
Ich möchte heute über zwei intensive Gefühle sprechen, die mich auf meiner Krebsreise begleitet haben: die Wut und die Suche nach dem Sinn. Dies ist mein ehrlicher Blick auf die tieferen Schichten der Krankheit, welcher erst einige Zeit nach meiner Erkrankung an die Oberfläche kam.
Das Beben der Ungerechtigkeit: Warum ausgerechnet ich?
Als die Diagnose kam, gab es neben der Angst auch eine unmittelbare, fast körperliche Reaktion: Wut. Eine Wut auf die Ungerechtigkeit. Warum ich? Warum wir, meine Schwester und ich? Warum, obwohl wir noch so jung waren und auf unsere Gesundheit geachtet haben. Was haben wir falsch gemacht?
Diese Wut ist kein Zeichen von Schwäche oder Undankbarkeit. Sie ist ein legitimer Schrei der Seele gegen das Schicksal. Ich möchte euch sagen: Erlaubt euch dieses Gefühl.
Ich habe lange versucht, tapfer zu sein und mich auf das Positive zu konzentrieren. Doch die Wut staute sich auf und wurde zu einem inneren Druck. Erst wenn man ihr Raum gibt, kann man sie konstruktiv nutzen.
Meine Strategien, um die Wut zu kanalisieren:
Tagebuch schreiben ohne Zensur: Ich habe alles ungefiltert aufgeschrieben, die hässlichen Gedanken, die Eifersucht auf unbeschwerte Menschen, die Angst. Zeilen, welche nur für mein Tagebuch bestimmt waren.
Bewegung als Ventil: An Tagen, an denen es mir körperlich möglich war, habe ich die Wut zum Beispiel beim Tanzen losgelassen. Eine absolute Lieblingsmethode und mein persönlicher Geheimtipp ist: Das aktive Ausschütteln. Es ist für mich wie ein Reset-Knopf. Es gibt dem Körper ein Ventil. Die ganze überschüssige "Kampf-oder-Flucht"-Energie und das Adrenalin, die Stress und Wut freisetzen, werden so auf wundersame Weise entladen. Das mache ich heute immer noch und hilft mir auch in Stresssituationen sehr gut.
Wut als Kraftquelle nutzen: Ich habe die Wut in einen entschlossenen Kampfgeist verwandelt: „Gut, Krebs, du hast mir das Leben schwer gemacht, aber du wirst mich nicht definieren.“ Diese innere Stärke half mir, Entscheidungen zur Therapie aktiv mitzutreffen.
Tagebuch schreiben ohne Zensur:
Ich habe alles ungefiltert aufgeschrieben, die hässlichen Gedanken, die Eifersucht auf unbeschwerte Menschen, die Angst. Zeilen, die nur für mein Tagebuch bestimmt waren.
Die unsichtbaren Mauern einreissen: Neid und Vergleich
Ein besonders schmerzhaftes Gefühl war der Neid. Ich sah gesunde Menschen lachen, Pläne schmieden und sich über Kleinigkeiten aufregen und dachte oft: Sie wissen und schätzen nicht, wie gut sie es haben.
Oftmals habe ich mich dafür geschämt, dass ich auf die Gesundheit anderer neidisch war. Ich bin mir sicher, viele von euch kennen diese Gedanken nur zu gut.
Der Schlüssel war, mich aktiv aus dem Vergleich zu nehmen. Ich habe mir gesagt: Andrea, dein Weg ist jetzt anders. Dein Weg ist nicht einfach. Aber du wirst daran wachsen.
Die existenzielle Wende: Das Geschenk der Endlichkeit
Irgendwann, als der schlimmste Sturm der Wut und Verzweiflung vorüber war, stelle ich mir die Frage: Was zählt wirklich?
Krebs hat mich mit meiner eigenen Endlichkeit konfrontiert. Das ist beängstigend, doch ich habe darin auch ein grosses Geschenk gefunden: Klarheit & Bewusstheit.
Ich bin nicht religiös im klassischen Sinne, aber ich habe einen Weg zu meiner eigenen Spiritualität gefunden. Für mich bedeutet Spiritualität:
Die tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Menschen, die ich liebe
Die Suche nach dem Sinn in meiner Erfahrung, die mich auch zur Peerarbeit geführt hat
Die Annahme, dass das Leben nicht kontrollierbar, aber dennoch wertvoll ist
Die Fähigkeit, die vielen schönen Momente, die jeder Tag für mich bereithält, bewusst wahrzunehmen und zu geniessen
Ich habe gelernt, meine Prioritäten neu zu setzen:
Wichtig für mich: Zeit mit den Liebsten, Freude empfinden, Natur geniessen, Gesundheit wertschätzen, Tanzen, Lachen und bewusst Leben
Unwichtig für mich: Perfekt gebügelte Wäschen, Erwartungen anderer (gelingt mir nicht immer ;-)), kleine Streitigkeiten oder materielle Dinge, perfektes Aussehen
Wichtig für mich:
Zeit mit den Liebsten, Freude, Natur, Gesundheit, Tanzen, Lachen und bewusst Leben
Unwichtig für mich:
Perfekt gebügelte Wäsche, Erwartungen anderer, kleine Streitigkeiten oder materielle Dinge, perfektes Aussehen
Diese Klarheit ist ein unschätzbares Geschenk. Sie erlaubt mir heute, Momente des Glücks bewusster wahrzunehmen und mich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren.
„Wir kommen auf die Welt ohne Garantien und nur eines ist sicher: unser Weg auf dieser Erde endet irgendwann. Nach meiner Krebserkrankung begleitet mich diese Wahrheit nicht als Angst, sondern als stille Erinnerung, mein Leben wacher, dankbarer und mit offenem Herzen zu leben. “
Ich möchte dich ermutigen: Lass die Wut zu, nutze sie als Energie, aber lass nicht zu, dass sie dich auffrisst. Sei verständnisvoll und geduldig mit dir selbst. Die Suche nach dem Sinn beginnt oft erst, wenn man die Trauer und die Wut hinter sich lässt und sich fragt: Wie kann diese tiefgreifende Erfahrung mich zu dem Menschen machen, der ich sein will?
Du bist nicht nur Betroffene und dem Krebs ausgeliefert. Du bist eine Kämpferin und ein Mensch, der jetzt bewusster lebt.
Diese schmerzliche Erfahrung ist vielleicht auch eine Chance für dich, genauso wie für mich.